17-11-2009 | 18:41
Vernichtungslager Sobibor
Das Lager befand sich im Generalgouvernement in Ost-Polen an der Eisenbahnlinie Chelm-Wlodawa, in etwa sechs Kilometer Entfernung vom Dorf Sobibor. Es lag schräg gegenüber vom existierenden kleinen Bahnhof. Damit der normale Personen- und Güterverkehr nicht behindert wurde im Falle von großen Transporten, ist das Gleis ausgebaut worden: von einem Gleis auf drei Gleise, so dass maximal fünfzig Güterwaggons aufgenommen werden konnten. Ein viertes Gleis wurde vom westlichsten Gleis abgezweigt ins Lager hinein, hinter die doppelte Umzäunung.
Der daneben gelegene Wall, die Rampe, hatte eine Länge von 120 Meter und konnte somit maximal elf Waggons und eine Lokomotive fassen.
Das Lager lag in einem dünn besiedelten Moorgebiet, nahe zur Grenze mit der besetzten Sowjetunion, dem Reichskommissariat Ukraine. Es gehörte mit Belzec, Treblinka und zum Teil auch mit Lublin/Majdanek zu den vier Vernichtungslagern, die die SS im Rahmen der sogenannten Aktion Reinhardt zur Durchführung der Endlösung der Judenfrage baute. Außer diesen vier Lagern funktionierten in Polen in der Umgebung von Lodz als ein Ort der Vernichtung auch Chelmno und nicht zuletzt auch Auschwitz-Birkenau. Dieses Lager war sowohl Konzentrationslager als auch Vernichtungslager.
Für die Geschichte von Sobibor siehe www.stichtingsobibor.nl
Zahlen
In Sobibor wurden innerhalb von achtzehn Monaten mindestens 170.000 Juden vergast, von ihnen ungefähr 33.000 aus den Niederlanden. Im Zeitabschnitt von März bis zum Juli 1943 kamen wöchentlich Transporte aus Westerbork nach Sobibor. Ungefähr 1000 Menschen wurden selektiert zum Arbeiten. Unter ihnen einer der Nebenkläger, Jules Schelvis.
Trawniki
(siehe www.CHGS.nl)
Periode Demjanjuk
Demjanjuk hielt sich als in Trawniki ausgebildeter Wachmann vom 26. März 1943 bis zum 1. Oktober 1943 im Vernichtungslager Sobibor auf.
In dieser Zeitspanne sind 27.900 Juden aus den Niederlanden ermordet worden, unter ihnen 1269 Kinder der Kindertransporte aus Vught.
Kindertransporte
Am 6. und 7. Juni 1943 fuhren zwei Züge mit jüdischen Kindern aus dem Lager Vught (Konzentrationslager Herzogenbusch) ab. Alle Kinder unter sechzehn sollten das Lager verlassen, ihre Mütter sollten mit ihnen gehen. Ihnen wurde gesagt, sie würden in ein Speziallager für Kinder in der Nähe fahren. In Wirklichkeit aber fuhren die Züge zum Durchgangslager Westerbork und von dort nach Sobibor. 1269 jüdische Kinder wurden dort nahezu sofort nach ihrer Ankunft durch Vergasung ums Leben gebracht.
Aufstand (einschliesslich Bilder und Namen von Überlebenden die nach München fahren)
Am 14. Oktober 1943 entfachten die “Arbeitsjuden� im Lager einen Aufstand. Sie waren diejenigen, die im Lager den Alltag organisieren sollten. Unter der Anführung eines russisch-jüdischen Kriegsgefangenen, Alexander Petscherski, konnten über 300 der 650 Häftlinge ausbrechen. Nach dem Aufstand wurde das Lager sofort aufgelöst und mit dem Erdboden gleichgemacht, nachdem alle Häftlinge, die sich noch im Lager befanden, umgebracht worden waren. Auf dem Gelände wurden Bäume gepflanzt in der Absicht, die begangenen Verbrechen der Nachwelt für immer und ewig verbergen zu können.
47 Entkommene überlebten, sie konnten nach dem Krieg den in Sobibor begangenen Massenmord bezeugen. Unter ihnen sind zwei Nebenkläger, Thomas Blatt und Philip Bialowitz, die im Münchner Demjanjuk-Prozess auch als Zeugen auftreten werden.
Transportlisten
Im Durchgangslager Westerbork wurden zu verschiedenen Zwecken Transportlisten aufgestellt. Die Mehrzahl der erhaltenen Listen enthalten Familiennamen und Vornamen der deportierten Personen – nahezu in alphabetischer Reihenfolge - mit ihrem Geburtsort. Die Listen wurden dem Transportführer des jeweiligen Transports mitgegeben, dieser hatte sie am Bestimmungsort - 19 Deportationszüge fuhren von Westerbork nach Sobibor - dem Kommandanten auszuhändigen.

Geschichte nach 1945
Bis Anfang der sechziger Jahre gab es kaum Interesse für das, was in Sobibor geschehen ist. Fast wäre ‘Sobibor’ in Vergessenheit geraten. Im Laufe der Jahre hatte der Ort die unterschiedlichsten Funktionen, zusammengefasst in der Reihe: Sobibor, Vernichtungslager - Fußballplatz- Trauungsort- Monument. (Frank van der Elst “Sobibor, de naoorlogse geschiedenis van een kampterrein; voetbalveld, trouwlocatie, monument� [Sobibor, die Nachkriegsgeschichte eines Lagergeländes; Fußballplatz - Trauungsort- Monument]) siehe www.stichtingsobibor.nl
Gedenkallee
Das ehemalige Lagergelände erinnert in keiner Hinsicht an den damaligen Ort. 2003 wurde begonnen mit einer Gedenkallee, an der immergrüne Bäume gepflanzt wurden. Es liegen dort Natursteine auf die Namen und Daten für in Sobibor ermordete Personen geschrieben sind. Es gibt relativ viele Steine für Niederländer wegen der erhaltenen Transportlisten aus den Niederlanden. Daher sind auch die Namen der in Sobibor ermordeten Niederländer bekannt im Gegensatz zu den 135.000 Ermordeten aus anderen Ländern.
Die Gedenkallee wurde aufgrund der damals bekannten Daten möglichst genau dort angelegt, wo der ehemalige Schlauch oder auch die Himmelfahrtstrasse war, der Weg den die Juden gehen sollten vom Auskleideraum zu den Gaskammern.
Jetzt soll gegebenenfalls aufgrund aktueller Untersuchungen das Gelände neu eingerichtet werden. Die niederländische Regierung vertritt hier den Standpunkt der Stichting/Stiftung Sobibor: die Steine, die an der Gedenkallee gelegt worden sind, werden bei einer eventuellen Neueinrichtung des Geländes an einer respektvollen und würdigen Stelle erhalten bleiben.
Neueinrichtung /Vierländerberatung
Inzwischen gibt es ein Vierländergremium, in dem auch die Niederlande vertreten sind, das über eine Neueinrichtung des ehemaligen Lagergeländes berät.
Das ehemalige Vernichtungslager Sobibor wird mit finanzieller Unterstützung Polens, Israels, der Slowakei und der Niederlande neu eingerichtet werden. Die Neueinrichtung beinhaltet unter anderem die Markierung der Aschenfelder, auch wird es eine Gedenkstätte und ein Museum geben.
Geplant ist, dass die Neueinrichtung 2013 abgeschlossen wird und Sobibor damit den Status eines staatlichen Museums erhält. Die Niederlande legen großen Wert darauf, dass im Falle einer eventuell notwendigen Neueinrichtung die schon gelegten Steine an einer respektvollen und würdigen Stelle erhalten bleiben. Ein Museum am Ort des ehemaligen Vernichtungslagers wird einen großen Nutzen haben für die Bildungsarbeit.
Stichting/Stiftung Sobibor
Jules Schelvis, der als einziger den Transport aus dem Durchgangslager Westerbork vom 1. Juni 1943 überlebte, gründete 1999 die Stiftung/Stichtung Sobibor. Heute ist er Berater des Stiftungsvorstands, der ausschließlich ehrenamtliche Mitglieder hat und von einer zunehmenden Gruppe von Begünstigern unterstützt wird. Das Ziel der Stiftung ist, sich dafür einzusetzen, dass die Erinnerung an dieses Vernichtungslager erhalten bleibt, ein Lager, in dem mehr als 33.000 Juden aus den Niederlanden durch Vergasung ermordet worden sind.
Die Vorträge, die Jules Schelvis in den Niederlanden und in Deutschland hält, gehören zum Kern des Programms. Auch bietet die Stiftung Vorträge über den Aufstand in Sobibor an. Wir stellen Ausstellungen zusammen, geben Bücher heraus und organisieren Gedenkfeiern und Erinnerungsreisen. In Zusammenarbeit mit dem Bildungswerk Stanislaw Hantz (BSH) aus Kassel machen wir Studienreisen zu den ehemaligen Lagern der Aktion Reinhardt in Ost-Polen.
Wir legen immer mehr Wert auf die Bildungsarbeit. Zur Herstellung einer DVD über die jüdischen Kinder im Lager Vught (KZ Herzogenbusch) konnten wir beitragen. Diese DVD führt heutigen Jugendlichen die Praxis von Intoleranz, Diskriminierung und Verfolgung vor über 60 Jahren hautnah vor. Das geschieht am Beispiel der Geschichte der jüdischen Kinder der sogenannten Kindertransporte, die in Sobibor ermordet wurden.
Dass die Bildungsarbeit für uns ständig an Bedeutung gewinnt, zeigt sich auch an der wachsenden Teilnehmerzahl unserer Studien- und Gedenkreisen. Immer mehr arbeiten wir mit polnischen Lehrern, Studenten und Schülern zusammen. Dank der Aktivitäten mit polnischen Jugendlichen in Sobibor intensivierte sich die Bedeutung der Geschichte des ehemaligen Lagergeländes. Die offizielle und die freundschaftliche Zusammenarbeit zwischen der Provinz Lubelski in Polen und dem niederländischen Gelderland hat dazu beigetragen, dass es heute aktuelle Studien- und Unterrichtsmaterialien gibt sowohl für die Grundschule als auch für den weiterführenden Unterricht.